Six feet to eat – die ersten Speiseinsekten „made in Germany“

© Foto: Xaver Stadtmagazin Aalen

Hallo Jürgen, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für ein Interview mit uns nimmst ! Bitte stelle uns zu Beginn Dich und Dein Team bei der six feet to eat Insektenzucht GmbH kurz vor:

Unser Gründerteam besteht aus drei Leuten. Ideengeber und Initiator ist unser Chefbiologe Michael Bullmer, der sein ganzes Leben lang noch nichts anders getan hat, als Insekten zu züchten. Er gründete bereits im letzten Jahrtausend eine Insektenzuchtfirma, weil er für seine Hobby-Spinnenzucht Futtertiere benötigte, die damals niemand anbot. Mit im Boot ist Frank Gramlich, der ebenfalls 20 Jahre in dieser Zuchtfirma gearbeitet hat. Ich kenne Michael von der Jugend her und er fragte mich, ob ich als Investor in das Projekt einsteigen möchte. Wie Du siehst, habe ich dies dann auch getan und leiste seit Mitte 2018 die Anschubfinanzierung. Von Haus aus bin ich Ingenieur und Physiker.

Vielleicht möchtest Du uns ganz am Anfang unseres Interviews Euer Startup kurz vorstellen ?

Wir produzieren Insekten sowohl für den menschlichen „Food“ Bereich wie auch für tierisches „Feed“, d.h. wir haben die Zulassungen sowohl als Lebensmittelbetrieb wie auch als Futtermittelbetrieb. Als Nebenprodukt fällt bei den Zuchten mit dem Insektenkot noch ein unglaublich wirkungsvoller Naturdünger in Bioqualität an, für den wir großes Interesse von Seiten der Düngemittelindustrie erfahren.

Welches Problem wollt Ihr mit six feet to eat lösen ?

Kurz gesagt: Neun, 10 oder noch mehr Milliarden Menschen nachhaltig ernähren zu helfen. Ob dies direkt als „Food“ geschehen wird oder mehr über den tierischen Umweg in Form von „Feed“, muss der Markt noch klären. Es sieht aber derzeit offen gestanden mehr nach „Feed“ aus. Der Dschungelcamp-Charakter“ von Insekten steckt uns Europäern einfach noch zu sehr in der DNA.

Wie ist die Idee zu six feet to eat entstanden ?

Michael war wie gesagt der Initiator. Seine Frau kommt aus Thailand, wo die Leute Insekten essen wie wir Chips. Als dann die Novel Food Verordnung der EU kam, die Insekten als Lebensmittel erlaubt, war die Idee in seinem Kopf geboren.

Wie würdest Du Deiner Großmutter die six feet to eat GmbH erklären ?

Nun, vielleicht wurden ja während des Krieges auch Insekten gegessen. Insofern hätte ich vielleicht gar nicht so viel erklären müssen 😉

Hat sich Euer Konzept seit dem Start irgendwie verändert ?

Definitiv. Wir haben einige Fehler begangen in einem Markt, der völlig neu ist und über den es daher der Natur nach keinerlei Erfahrungen gab bzw. geben kann. Auch wurden wir sozusagen Opfer falscher Umfragen und Marktprognosen. Jeder auf der Straße wird bei einer Meinungsumfrage   z. B. sagen, dass er/sie für Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Ressourcenschutz etc. ist. Wenn dieses Bekenntnis dann allerdings im Laden vor der Realitätsprüfung steht, wird doch die Aldi-Brezel für 29 Cent gekauft, als die mit Liebe gebackene 80 Cent Brezel des lokalen Bäckers. Insofern hat sich unser Fokus, wie zuvor schon angedeutet, mehr zu „Feed“ hin verschoben. Fische haben noch nie Dschungelcamp angeschaut.

Wie funktioniert Euer Geschäftsmodell ?

Dass Insekten ein veritabler Markt sind, steht denke ich außer Frage. Es ist im Bereich „Food“ eben ein „Neuer Markt“, im Bereich „Feed“ jedoch ein sehr etablierter. Bei Letzterem kommt zudem der Punkt der Kreislaufwirtschaft mit ins Spiel, da für die Aufzucht von Feedinsekten z.T. bereits sog. Nebenströme aus der Lebensmittelherstellung verwendet werden dürfen. Es macht keinen Sinn Lebensmittel zu produzieren, um daraus am Ende in der Biogasanlage Gas und dann Wärme oder Strom zu machen. Das Ziel der Bioökonomie ist es ja daher, Kreisläufe zu schließen und Ressourcen zu schonen. Insekten sind hierfür ein ideales Werkzeug.

Wie genau hat sich die six feet to eat GmbH seit der Gründung entwickelt ?

Offen gestanden langsamer als erwartet und geplant, aber dennoch sehr gut. Wir haben u.A. bereits namhafte Kunden aus der Lebensmittelbranche gewinnen können, mit denen wir gemeinsam als Rohstofflieferant wachsen wollen und werden. Unser 100% Naturdünger erhält ebenfalls und zurecht sehr viel Aufmerksamkeit. Wer will schon Roundup in seinem Garten verteilen?

Wie groß ist Euer Startup inzwischen ?

Das Thema Mitarbeiter ist in der Tat ein sehr schwieriges. Wir sagen immer, wie sind ein „Bauernhof 4.0“. Nur, wer will heute schon auf einem Bauerhof arbeiten? Wir haben derzeit acht Mitarbeiter, z.T. in Teilzeit. Da wir erst im Oktober letzten Jahres, nachdem wir die Zulassung als Lebensmittelbetrieb erhalten hatten, unsere Produkte vermarkten dürfen, können wir über Umsatzzahlen noch nicht wirklich sprechen. Das „Valley of Death“ haben wir jedoch definitiv noch nicht durchschritten. Wir suchen auch derzeit aktiv nach Investoren, da wir z. B. noch dringend in Maschinen investieren müssen, um unsere Produktion zu skalieren. Ich als Alleininvestor kann dies leider nicht stemmen, ohne mein Klumpenrisiko zu groß werden zu lassen. Den „Proof of Concept“ haben wir jedoch bereits geleistet.

Blicke bitte einmal zurück: Was ist in den vergangenen Jahren so richtig schief gegangen ?

Ich denke ich bin hierauf schon in den vorigen Fragen dem Charakter nach eingegangen. Wenn man von falschen Grundlage im Businessplan ausgeht (siehe 29 Cent Brezel), kann man sich eigentlich nur vorwerfen, dass man es nicht früher erkannt und gegengesteuert hat. So sind die Insekten z. B. als Proteinquelle in Aquafood ein Milliardenmarkt, weil Aquakulturen immer mehr wachsen, das Angebot an Fischmehl jedoch stagniert und zudem alles andere als nachhaltig ist. Insofern gibt es hier Marktpotentiale die so unglaublich groß und sinnvoll zu füllen sind. Und das nicht nur im Bereich Aqua. Ich greife diesen Markt nur heraus, weil hier rechtlich bereits definierte Rahmenbedingen herrschen. Aus heutiger Sicht hätte ich dies strategisch auch früher erkennen können.

Was habt Ihr daraus gelernt ?

Erstens: Daß der Fokus weg von einem handwerklichen Food-Betrieb hin zum industrialisierten Feed-Betrieb sehr sinnvoll sein wird und Zweitens, daß wir hierfür Beteiligungskapital benötigen.

Und wo habt Ihr bisher alles richtig gemacht ?

Wir sind sehr stolz und froh, wenn wir immer Besucher bei uns haben, wo es am Ende nur noch darum geht, wie schnell wir welche Mengen zu welchem Preis liefern können. Ich denke die potentiellen Kunden merken sehr schnell, dass mit Michael und Frank ein rießengroßer Erfahrungsschatz in der Zucht von Insekten vorhanden ist, den ich BWL-technisch begleiten und steuern darf.

Wie ist Euer Startup finanziert ?

Die Anschubfinanzierung kommt bisher zu 100% von mir. Wie bereits erwähnt sind wir jedoch auf der Suche nach externen Investoren, die unser weiteres Wachstum mit gestalten und uns dadurch helfen, die immensen Marktpotentiale zu bearbeiten. Alleine der Markt für Aquafeed ist im Bereich Milliarden, noch gar nicht gerechnet Geflügel oder Schweine. Hühner picken und scherren (sorry für dieses schwäbische Verb) von Natur aus im Boden rum, um Insekten zu finden. Was ihnen die Natur sagt, kann nicht schlecht für uns Menschen sein.

Was sind Eure Pläne und Ziele für die nächsten 12 Monate ?

Wir arbeiten an der Industrialisierung unserer Zuchten, von der technischen wie von der biologischen Seite her.

Vielen Dank für das Interview.

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